Hauptstadtkongress: (K)eine Lösung für die Eurokrise?
Berlin, 21. Oktober 2011. Ist der Euro noch zu retten? Während sich Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter auf dem 6. Deutschen Kongress für Großhandel und Kooperationen kämpferisch zeigte und für eine Teilkaskoversicherung der Anleihen von Krisenstaaten warb, bilanzierte Ökonomie-Professor Henrik Enderlein: Eine Lösung der Krise sei politisch aktuell nicht möglich. Einig waren sich die hochrangigen Referenten aus Kooperationen und Großhandel, Politik und Wissenschaft jedoch in einem: Das Projekt Europa ist ein „Glücksgriff in der Geschichte“ — seine Rettung erfordert vollen Einsatz.
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Mit einem beeindrucken Statement für eine vertiefte politische Integration Europas hinterließ Steffen Kampeter, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, bei den rund 400 Teilnehmern des 6. Deutschen Kongress für Kooperationen und Großhandel keinen Zweifel über die Haltung der Bundesregierung: „Es ist unser Gestaltungsauftrag, das Geschenk Europa anzunehmen!“. Deutschland profitiere nicht nur wirtschaftlich in hohem Maße von einem vereinten Europa und einer gemeinsamen Währung: „Europa ist ein Projekt von Frieden und Freiheit!“.
Zur Rettung des Euro warb Kampeter dafür, über eine Teilkaskoversicherung die Anleihen von Krisenstaaten vor Ausfällen abzusichern, um so die Schlagkraft des Krisenfonds EFSF zu erhöhen und gleichzeitig die Belastungen für den deutschen Steuerzahler zu begrenzen: „Lieber eine europäische Teilkaskoversicherung als eine deutsche Vollkaskolösung!“. Optimistisch zeigte sich Kampeter, dass es diesbezüglich auf EU-Ebene zum Konsens kommen werde, wenngleich es etwas dauern werde, eine Lösung im deutschen Interesse zu erreichen: „Wenn der deutsche Steuerzahler seiner Regierung so viel Geld anvertraut, sollte sie das auch bestmöglich nutzen!“
„Es kann aktuell keine politische Lösung geben!“ widersprach Prof. Dr. Henrik Enderlein, Associate Dean der Hertie School of Governance, den Ausführungen Kampeters zu den Chancen einer baldigen Euro-Rettung. Die europäische Währungsunion könne nur funktionieren, wenn die Länder eine gemeinschaftliche Haftung konsequent anerkennen würden: „Es ist albern so zu tun, als wären uns die Probleme, aber auch die Chancen der anderen egal!“. Die steigende wirtschaftliche Divergenz in der Eurozone, die durch die fehlende Möglichkeit nationaler Geldpolitik noch gestiegen sei, würde sonst zwangsläufig zum Zusammenbruch der Währungsunion führen. Enderlein forderte die Politik auf, die bisherige „Hin-und-Her-Taktik“ zu beenden und die „Flucht nach vorne“ anzutreten. Ein Schuldenschnitt für Griechenland sei unumgänglich, die Anleihen von Krisenstaaten müssten gegen Euro-Bonds getauscht werden. Doch genau hier setze das Bundesverfassungsgericht enge Grenzen. Der Satz „Die Souveränität endet dort, wo die Solvenz endet“ sei zumindest für Deutschland gegenwärtig nicht durchsetzbar — eine politische Lösung sei somit nur dann möglich, wenn die Nationalstaaten auf einen Teil ihrer Autonomie verzichten.
Gleichzeitig warnte Prof. Enderlein vor einer Rückkehr zur D-Mark — gerade Kooperationen und Großhandel profitierten erheblich vom Euro, der Ausstieg wäre mit enormen Kosten verbunden. Prof. Enderlein forderte die gebannt zuhörenden Entscheider daher auf, die Politik bei einer konsequenten Vertiefung der europäischen Gemeinschaft nach Kräften zu unterstützen. „Es bleibt uns nur der europäische Weg — aber dafür müssen wir auch kämpfen!“
Wie ein solcher europäische Weg für eine familiengeführte Verbundgruppe zum nachhaltigen Erfolg führen kann, zeigte Hans-Jürgen Adorf, Vorsitzender der Geschäftsführung des Einkaufsbüros Deutscher Eisenhändler E/D/E. Während die Wuppertaler Mittelstandskooperation bis Mitte der 90er Jahre „noch gar nicht richtig wusste, dass es Europa gibt“, verfügt sie heute über ein internationales Netzwerk von rund 1.400 Mitgliedsunternehmen in 22 Ländern sowie über fünf europäische Kooperationen. Ein wichtiges „Erfolgsrezept“ auf dem Weg zum heutigen Gesamtumsatz von 5,2 Mrd. Euro sei es für die Kooperation gewesen, sich auf die eigenen „Erfolgsgene“ zu besinnen und damit positiv vom Wettbewerb abzuheben. Die Historie als in dritter Generation familiengeführtes Unternehmen sei etwa wichtiges Alleinstellungsmerkmal, um die eindeutige unternehmerische Führung und Verantwortung sicherzustellen: „Wir sind und bleiben ein Familienunternehmen!“ Ebenso unverzichtbar sei der Faktor „Vertrauen“: „Für unsere Mitglieder brauchen wir keine langen Satzungen und Verträge. Unsere Beitrittserklärung passt auf eine DinA4-Seite — der Rest der Partnerschaft basiert auf Vertrauen und Kooperation.“
Ein anderes Wachstumsmodell stellte Uwe Schültke, Vorsitzender der Geschäftsführung der Brenntag GmbH, vor. Das Großhandelsunternehmen für Chemikalien, dessen Wurzeln 1874 mit der Gründung eines Eiergroßhandelsunternehmen gelegt worden sind, erwirtschaftet nach mehr als 100 Akquisitionen in den letzten 20 Jahren heute allein in Europa einen Gesamtumsatz von 3,9 Mrd. Euro. Dabei spielt die Leistungserweiterung ein große Rolle: So übernimmt die Brenntag etwa durch Laborleistungen zunehmend neue Funktionen in der Chemikalien-Distribution.
Dr. Frank Steffel, Inhaber der Steffel Gruppe und als Bundestagsabgeordneter einer von nur fünf Unternehmern im Parlament, schilderte am Beispiel seiner Unternehmensgruppe aktuelle Herausforderungen, mit denen sich Kooperationen wie Großhandel konfrontiert sehen. Besonders stellte er den Trend zum „Handy-Man“ heraus: Wie gelingt es, in einem immer stärker zerklüfteten Handwerk, die rasant wachsende Anzahl werkstattloser Einzelunternehmer zu bedienen, die nur noch unterwegs per Handy zu erreichen sind? Perfekte Logistik, schlagkräftiges Marketing und intelligente Technologien seien zentrale Erfolgsfaktoren, um im zunehmenden Wettbewerb mit den Lieferanten zu bestehen.
Die Teilnehmer hatten schließlich die Möglichkeit, diese Themen — wie auch Finanzen und Einkauf — in speziellen Workshops und Praxisforen zu vertiefen. Bereits am Vorabend waren die Teilnehmer des 6. Deutschen Kongresses für Großhandel und Kooperationen durch die festliche Veranstaltung im Gebäude der DZ Bank auf den Spitzenkongress der Branche eingestimmt worden. Auf Einladung der MITTELSTANDSVERBUND-Fördermitglieds DZ Bank genossen die Unternehmenslenker hier die imposante Atmosphäre des von Frank O. Gehry gestalteten Gebäudes und ein amüsantes Abendprogramm. Statements von DZ-Bank-Vorstandsmitglied Hans-Theo Macke und von Ernst Burgbacher, Mittelstandsbeauftragter der Bundesregierung, MdB, gaben anregende Impulse für einen gelungen Kongress im Herzen Berlins.
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