Steigende Kosten, gedämpfte Aussichten: Zunehmende Unsicherheit im Mittelstand

Gravierende Lieferengpässe und steigende Preise infolge des Ukraine-Kriegs belasten den kooperierenden Mittelstand weiterhin. Dennoch bewerteten die Unternehmen ihre wirtschaftliche Situation im 2. Quartal überwiegend positiv: Die Umsätze stiegen weiterhin deutlich, auch die Erträge legten leicht zu. Der Ausblick auf die kommenden Monate fällt hingegen gedämpft aus. Hier könnten die Lieferschwierigkeiten und hohen Energiekosten zunehmend die Stimmung drücken, wie die aktuelle Konjunkturumfrage des MITTELSTANDSVERBUNDES unter seinen Mitgliedern ergab.

Berlin, 19.07.2022 – Auch wenn sich die allgemeinen Konjunkturindikatoren merklich eingetrübt haben, zeigt sich wirtschaftliche Lage im kooperierenden Mittelstand im zweiten Quartal 2022 noch immer überwiegend positiv. So bewerteten 64,3 % der Verbundgruppen ihre Situation in den vergangenen drei Monaten als gut, was im Vergleich zum ersten Quartal 2022 ein Plus von rund 10 Prozentpunkten ausmacht. Als befriedigend empfanden immerhin weitere 32,1 % der Kooperationen ihre Lage. Die Zahl der Unternehmen, ihre wirtschaftliche Lage als schlecht bezeichneten, verharrte hingegen mit 3,6 % auf einem sehr niedrigen Stand.

Umsätze steigen im zweiten Quartal weiter

Nachdem es schon zum Jahresbeginn 2022 bei den Umsätzen deutlich aufwärts gegangen war, setzt sich diese Entwicklung im zweiten Quartal fort: Fast 68 % der Verbundgruppen meldeten für die Monate April bis Juni eine Umsatzsteigerung, während knapp 9 % der befragten Unternehmen von Umsatzrückgängen sprachen. Im ersten Quartal lag dieser Wert hingegen noch bei gerade einmal 1,8 %. Beim Ausblick auf die zweite Jahreshälfte zeigen sich die Kooperationen jedoch verhaltener: Mit einem Umsatz-Plus im Restjahr 2022 rechnen etwas mehr als 55 %, gleichbleibende Umsätze erwarten knapp 29 % der Verbünde. Gleichzeitig gehen unverändert etwa 19 % der Unternehmen von einem Umsatz-Minus für die kommenden Monate aus.

Auch bei den Anschlusshäusern der Unternehmen zeigt sich der Aufwärtstrend bei den Umsätzen – wenn auch etwas verhaltener: Etwa 48 % verzeichneten im zweiten Quartal ein Umsatz-Plus (Vergleich Q1: 54,4 %). Gleichzeitig sanken bei mehr als 17,9 % der Anschlusshäuser im gleichen Zeitraum die Umsätze (Vergleich Q1: 10,5 %).

Ertragslage noch im Aufwind – Ausblick verhaltener

Die Ertragslage der Kooperationen stellt sich im zweiten Quartal weiterhin robust dar. Nachdem schon im ersten Quartal 2022 lediglich etwas mehr 5 % der Verbundgruppen einen Rückgang vermeldeten, stieg dieser Wert nun zwar auf 16,1 % an. Bei den Kooperationen, deren Erträge weitgehend konstant waren oder sogar stiegen, gab es hingegen kaum Veränderung: Diese liegen mit 42,9 Prozent (gleichbleibend) und 41,1 Prozent (steigend) nahe beieinander. Zu beachten ist beim Vergleich der Werte, dass im Vorquartal mehrere Kooperationen zur Frage der Erträge keine Angabe gemacht hatten.

In die Zukunft blicken die Verbundgruppen mit etwas mehr Zurückhaltung: Hier rechnen 35,7 % mit einem Ertrags-Plus in der zweiten Jahreshälfte, während 23,2 % einen Rückgang erwarten. 41,1 % der Verbundgruppen erwarten hingen gleichbleibende Erträge in den kommenden Monaten. Die verhalteneren Erwartungen bei den Erträgen decken sich mit der allgemeinen wirtschaftlichen Lagebeobachtung: Die hohe Inflation treibt zwar vielerorts die Umsätze, geht aber gleichzeitig höheren Kosten einher, was die Ertragssituation somit nicht unbedingt verbessert.

Investitionstätigkeit verstetigt sich

Nachdem der kooperierende Mittelstand im ersten Quartal 2022 deutlich mehr investiert hatte als noch im vierten Quartal 2021, hat sich die Investitionsdynamik nun wieder abgeschwächt. Nur 19,6 % der Kooperationen vermeldeten gestiegene Investitionen im Vergleich zum Vorquartal (Q1: 35,1 %). Dafür gaben immerhin 69,6 % der Kooperationen gleichbleibende Investitionen an, was zumindest für den Moment einer Verstetigung der Investitionstätigkeit gleichkäme.

Interessant ist, dass wie schon im Vorquartal mehr Verbundgruppen eine Erhöhung ihrer Investitionen erst in den kommenden Monaten planen – wenn auch auf leicht niedrigerem Niveau: 28,6 % der Verbundgruppen rechnen für die zweite Jahreshälfte mit mehr Investitionsausgaben. Mehr als 62 % gehen auch hier von gleichbleibenden Ausgaben aus; der Anteil der Unternehmen, die ihre Investitionen voraussichtlich zurückfahren werden, bleibt mit etwa 7 % sehr niedrig.

Beschäftigtenzahlen weiterhin stabil

Relativ wenig Veränderung zeigt sich bei den Beschäftigungsabsichten der Unternehmen – der Trend zeigt hier aber weiterhin nach oben: Genau 25 % der Verbundgruppen haben in den Monaten April bis Juni mehr Personal eingestellt als im Vorquartal (Q1: 21,1 %). Rund 66 % der Unternehmen meldeten keine Veränderung bei der Mitarbeiterzahl. Auch mit Blick auf die kommenden Monate unterscheiden sich diese Werte kaum. Lediglich 3,6 % der Unternehmen erwarten für die zweite Jahreshälfte einen Personalabbau, während dies für April bis Juni von rund 7 % angezeigt wurde. Somit ist die Beschäftigungssituation im kooperierenden Mittelstand insgesamt erfreulich – sofern sich die geplanten Personaleinstellungen vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels realisieren lassen.

Gravierende Lieferengpässe belasten das Geschäft

Die relativ gute Umsatz- und Ertragsentwicklung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass durch Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg an anderer Stelle ordentlich Sand ins wirtschaftliche Getriebe geraten ist: Die Kooperationen vermelden auch im zweiten Quartal starke Lieferengpässe: Ganze 75 % der befragten Unternehmen bezeichnen diese als gravierend. Dabei ziehen sich die Lieferschwierigkeiten durch nahezu sämtliche Produktgruppen. Besonders starke Engpässe gibt es demnach bei Metall, Holz, Kunstoffen sowie mit leichtem Abstand bei Elektrogeräten bzw. Elektronikkomponenten sowie Papier und Schreibwaren. Auch wenn sich die Lieferengpässe am stärksten in Lieferverzögerungen äußern, gehen hiermit vielfach auch Materialverteuerungen und generelle Preissteigerungen einher: Diese lagen im zweiten Quartal bei den von Lieferengpässen betroffenen Produkten bei durchschnittlich 10 bis 30 %. Für die kommenden Monate erwarten die Verbundgruppen zur Hälfte eine gleichbleibende Situation bei den Lieferengpässen. 37,5 % gehen sogar von einer weiteren Verschlechterung aus, lediglich knapp 9 % blicken in dieser Hinsicht optimistisch in die Zukunft.

Energiemarkt: Problem erkannt, jedoch nicht gebannt

Blickt man auf die Unternehmen, die sich fachkompetent im Bereich Energie- und Ressourcenschonung aufgestellt sehen – immerhin 46,4 % der Teilnehmenden – hat sich zum ersten Quartal nichts geändert. Bemerkenswert ist dabei allerdings der deutliche Anstieg derer, die für ihr Unternehmen erhebliche Defizite identifiziert haben. Offensichtlich ist der Anteil dieser Gruppe, die sich mit dem Thema Energie- und Energiesicherheit bzw. Ressourcenschonung beschäftigen, mit Beginn des russischen Angriffskrieges sprunghaft angestiegen. Damit wuchs auch die Erkenntnis, dass im eigenen Unternehmen offensichtlich erheblicher Nachholbedarf bzw. Erkenntnislücken bestehen. 

Konkrete Konsequenzen hinsichtlich der Bezugsquellen von Energie werden oder können von der Mehrheit der Unternehmen offensichtlich noch nicht gezogen werden. 58,9 % der Befragten gaben an, dass sie nicht beabsichtigen, ihre Energie-Bezugsquelle zu ändern. Begründet liegt dies möglicherweise in der notwendigen Dauer einer Umstellung wie auch den angegebenen mittelfristigen Laufzeiten (1-3 Jahre) bestehender Verträge (57,1%).

Energieeffizienz: Wirtschaften mit Weitblick

Unverändert hoch ist mit 48,2 % die Bereitschaft der Unternehmen, Energieeffizienzmaßnahmen durchzuführen. Bei den Entlastungsmaßnahmen werden vor allen Dingen gezielte Fördermaßnahmen, ein beschleunigter Bürokratieabbau und die Verbilligung der Energiepreise gefordert. Wo der Ruf nach Förderprogrammen verständlich und kurzfristig in der aktuellen Krise sicherlich angemessen erscheint, unterstreichen die Forderungen nach einem Abbau der Bürokratie und Verbilligung der Energiepreise die bereits seit Jahren vom MITTELSTANDSVERBUND erhobene Forderung nach einer grundlegenden Reform des Steuern-, Abgaben- und Umlage-Systems auf Energie. 

Welche Handlungsoptionen haben Unternehmen in der akuten Krisenlage? 2/3 der befragten Unternehmen arbeiten bereits mit dem Klimaprofi-Qualifizierungsprogramm des MITTELSTANDSVERBUNDES zusammen. 

„Der Ukrainekrieg sowie die Logistikengpässe im Handel und deren wirtschaftliche Folgen führen uns mehr als deutlich vor Augen, wie existenziell der Umgang mit knappen Ressourcen und Energie für den Mittelstand zunehmend ist. Wo es jedoch an Expertise fehlt, können bestehende Effizienz-Potentiale nicht ausgeschöpft werden. Die ‚Klimaprofis‘ werden in diesem Fall zu einzigartigen Beschleunigern für Klimaschutz und ein effizientes Energie- und Ressourcenmanagement in Unternehmen. Sie leisten zudem einen Beitrag, die nationale Energiewende aus dem Mittelstand heraus maßgeschneidert voranzutreiben“, so Dr. Ludwig Veltmann, Hauptgeschäftsführer DER MITTELSTANDSVERBUND.   

Die Auswertung der aktuellen Konjunkturumfrage des MITTELSTANDSVERBUNDES zeigt deutlich, dass Unternehmen die Notwendigkeit erkennen und auch die grundsätzliche Bereitschaft zeigen, Maßnahmen für mehr Energieeffizienz zu ergreifen. Nun liegt es an der Politik, den Unternehmen mit der Anerkennung des „Qualifizierungsprofils Klimaprofi“ analog zum Energieberater ein zielgerichtetes und am tatsächlichen Bedarf ausgerichtetes verlässliches Instrument unterstützend zur Seite zu stellen.

An der Konjunkturumfrage haben sich 56 Verbundgruppenzentralen mit rund 41.000 angeschlossenen Unternehmen aus insgesamt 16 Branchen beteiligt – darunter waren etwa Küchen & Möbel, Konsumelektronik, Schuhe & Textil, der Baustoffhandel, Garten- und Zoobedarf sowie Lebensmittel- und Getränkehandel. Die Erhebung wird regelmäßig unter den Verbundgruppen des MITTELSTANDSVERBUNDES durchgeführt, die insgesamt 230.000 mittelständische Unternehmen vertreten. Zu den befragten Einkaufs-, Marketing- und Dienstleistungskooperationen zählen beispielsweise EDEKA, REWE, INTERSPORT, expert, MEGA und BÄKO. 

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